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Gedichte und Sprüche von Gottfried Keller

 

Gedichte 1---5-von 220

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Abend auf Golgatha

Eben die dornige Krone geneiget, verschied der Erlöser,
Weisslich in dämmernder Luft glänzte die Schulter des Herrn;

Siehe, da schwebte, vom tauigen Schimmer gelockt, die Phaläne
Flatternd hernieder, zu ruhn dort, wo gelastet das Kreuz.

Langsam schlug sie ein Weilchen die samtenen Flügel zusammen,
Breitet' sie aus und entschwand fern in die sinkende Nacht.

Nicht ganz blieb verlassen ihr Schöpfer, den Pfeiler des Kreuzes
Hielt umfangen das Weib, das er zur Mutter sich schuf.




Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh',
Tastend streift sie ab die Wanderschuh',
Legt sich auch in ihre finstre Truh'.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, O Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluss der Welt!




Abendlied an die Natur

Hüll' ein mich in die grünen Decken,
Mit deinem Säuseln sing mich ein,
Bei guter Zeit magst du mich wecken
Mit deines Tages jungem Schein!
Ich hab mich müd in dir ergangen,
Mein Aug' ist matt von deiner Pracht.
Nun ist mein einziges Verlangen, Im
Traum zu ruhn, in deiner Nacht.

Des Kinderauges freudig Leuchten
Schon fingest du mit Blumen ein,
Und wollte junger Gram es feuchten,
Du scheuchtest ihn mit buntem Schein.
Ob wildes Hassen, masslos Lieben
Mich zeither auch gefangen nahm:
Doch immer bin ich Kind geblieben,
Wenn ich zu dir ins Freie kam!

Geliebte, die mit ew'ger Treue
Und ew'ger Jugend mich erquickt,
Du einz'ge Lust, die ohne Reue
Und ohne Nachweh mich entzückt -
Sollt' ich dir jemals untreu werden,
Dich kalt vergessen, ohne Dank,
Dann ist mein Fall genaht auf Erden,
Mein Herz verdorben oder krank!

O steh' mir immerdar im Rücken,
Lieg' ich im Feld mit meiner Zeit!
Mit deinen warmen Mutterblicken
Ruh' auf mir auch im schärfsten Streit'
Und sollte mich das Ende finden,
Schnell decke mich mit Rasen zu;
O selig Sterben und Verschwinden
In deiner stillen Herbergsruh!




Abendregen

Langsam und schimmernd fiel ein Regen,
In den die Abendsonne schien;
Der Wandrer schritt auf schmalen Wegen
Mit düstrer Seele drunter hin.

Er sah die grossen Tropfen blinken
Im Fallen durch den goldnen Strahl;
Er fühlt es kühl aufs Haupt ihm sinken
Und sprach mit schauernd süsser Qual:

"Nun weiss ich, dass ein Regenbogen
Sich hoch um meine Stirne zieht,
Den auf dem Pfad, so ich gezogen,
Die heitre Ferne spielend sieht.

Und die mir hier am nächsten stehen,
Und wer mich wohl zu kennen meint,
Sie können selber doch nicht sehen,
Wie er versöhnend ob mir scheint.

So wird, wenn andre Tage kamen,
Die sonnig auf dies Heute sehn,
Um meinen fernen blassen Namen
Des Friedens heller Bogen stehn."




Aktäon

Aktäon hat im dunklen Hain
Das edle Wild gefällt,
Da sah von einem milden Schein
Die Waldflut er erhellt.

Den Silbermond auf weißer Stirn,
Sonst der Gewänder bar,
Und um sie manche nackte Dirn,
Die nicht zu tadeln war,

So stand Diana weiß und zart –
O dreimal selige Birsch!
Sie spritzt' ihm Wasser in den Bart,
O unglückseliger Hirsch!

Wohl sprang er über Stein und Dorn,
Zitternd und verzagt,
An seinen Fersen Götterzorn,
Die wilde Jungfernjagd!

Schon floß sein rauchend Blut so rot
Dianen vor den Fuß;
Das ist ein schlimmer Jägertod,
Wer so verenden muß!

Das letzte wilde Mägdlein sprang
Voll keuscher Wut herzu
Und hielt dem schön gehörnten Fang
Das brechende Auge zu.

Auch heut noch mancher Junker birscht
Durch das Kartoffelkraut,
Der aber, wird er auch verhirscht,
Die Göttin nie geschaut!






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